Die Reise des Helden

Die Reise des Helden

"Das Leben ist wie ein langer, ruhiger Fluss" ist der Titel einer bissigen, französischen Film-Komödie. Wenn ich auf mein eigenes Leben zurückschaue, hat mein Leben mit meinen 45 Jahren schon eine gewisse Länge. Doch ruhig war mein Lebensfluss bei weitem nicht immer!

Was ich an diesem Vergleich oder "Simile" sehr schön finde, ist die Vorstellung, dass das Leben ständig durch uns hindurch fließt. Es ist ein ständiger Wechsel zwischen ruhiger Tiefe und schnellem, hektischem Treiben. Wenn wir vollkommen im Auf und Ab, im Hin und Her des Fließens aufgehen, dann befinden wir uns im "Flow". Unser Leben fließt und wir fließen mit ihm. Wir setzen keinen Widerstand dagegen. "Easy Living". So, wie der Fluss fließt, wie unser Leben sich entwickelt, fließen auch unsere Gefühle durch uns hindurch.

Jeder von uns hat einen Begriff davon, wo im Körper sein Zentrum für Gefühle sitzt. Und durch dieses Zentrum hindurch können wir manchmal diesen Fluss unserer Gefühle wahrnehmen.

Doch unser Lebensfluss scheint manchmal ins Stocken zu geraten. Der Verlust eines geliebten Menschen, eine Trennung, Sorge oder Krankheit können uns aus unserem Flow herausreißen. Wir erleben das manchmal wie einen Schockzustand und sind dadurch wie paralysiert. Teilweise krümmen wir uns um unsere Körpermitte, wir verkrampfen und halten dieses letzte Gefühl, das durch uns hindurch fließt, fest. Manchmal so fest, dass wir uns gar kein anderes Gefühl mehr vorstellen können.

Dann besteht u.a. die Gefahr, dass wir entweder in die Depression oder in die Manie hinübergleiten. Dann helfen uns, je nach Schwere, unsere Freunde und manchmal Coaching oder Therapie aus diesem "Zustand des Verkrampftseins" wieder heraus.

Wenn wir dieses "festgehaltene Gefühl" losgelassen haben, können wir auch wieder am Fluss des Lebens teilhaben. Uns wieder dem Flow nähern, der uns das Leben so mühelos erscheinen läßt.

Wir lernen uns dabei auf eine neue Art und Weise kennen und lernen etwas über uns selber. Wir entwickeln neue Fähigkeiten im Umgang mit solchen Herausforderungen. Nach einiger - oder auch längerer - Zeit, erkennen wir, dass diese Herausforderung eine Art Lernchance für uns darstellte. Ohne sie hätten wir diese neuen Fähigkeiten vielleicht nicht entwickelt.

Das Leben ist wunderbar - aber manchmal tut es furchtbar weh.

Diesen Prozess der Lebensveränderungen kann man vergleichen mit dem, was Joseph Campbell als die »Reise des Helden« bezeichnet hat ("The Power of Myth", 1988). Campbell suchte nach den über kulturelle Grenzen hinausgehenden Verbindungen in den Mythen und Geschichten über Veränderungen. Bestimmte Themen wiederholen sich in verschiedenen Kulturen und offenbaren tiefere Verbindungen zwischen allen Menschen. Diese Themen beschäftigen sich mit den "Windungen unseres Lebensflusses", von Geburt bis zum Tod.

Und diese "Windungen" sind unabhängig von unseren individuellen Lebensumständen. Im kollektiven Gedächtnis der Menschheit gibt es tiefere Muster, die sich auf unseren Lebenswegen entfalten.

Campbell beschreibt die Gemeinsamkeiten unseres Lebensweges, indem er sich auf die Schritte in der "Reise des Helden" bezieht - die Sequenz von Ereignissen, die anscheinend in allen epischen Mythen einer jeden Kultur vorkommt. Dazu gehören folgende Schritte:

  • die Wahrnehmung unserer Berufung, die sich auf unsere Identität und unsere Aufgaben und Mission im Leben bezieht. Wir können dieser Wahrnehmung folgen oder sie ignorieren.
  • die Annahme dieser Mission konfrontiert uns mit den Grenzen unserer gegenwärtigen Fähigkeiten und Landkarten von der Welt.
  • das Überschreiten von Grenzen führt uns in eine neue Lebensphase, die uns dazu zwingt, zu wachsen und uns weiterzuentwickeln und Unterstützung und Führung zu finden.
  • das Finden eines Lehrers oder Mentors ergibt sich oft auf natürliche Weise aus dem Mut, Grenzen zu überschreiten (es wird oft gesagt: »wenn der Schüler bereit ist, wird der Lehrer erscheinen«)
  • die Auseinandersetzung mit einer Herausforderung ist ebenfalls ein natürliches Ergebnis einer Grenzüberschreitung. Eine Herausforderung ist letztendlich weder gut noch schlecht. Sie ist einfach eine Form von "Energie" oder "Kraft", mit der wir umgehen oder die wir akzeptieren müssen. Häufig sind sie lediglich eine Reflektion eines unserer eigenen inneren Schatten.
  • die Transformation der Herausforderung in eine Ressource oder einen Ratgeber wird meist erreicht durch die Entwicklung einer besonderen Fähigkeit oder das Entdecken einer besonderen Ressource oder eines besonderen Werkzeugs.
  • das Finden des Weges, um die eigene Vision zu erfüllen, gelingt letztlich durch die Entwicklung einer neuen Landkarte der Welt, die das Wachstum und die Entdeckungen der Reise integriert.
  • die Rückkehr nach Hause als transformierte und reife Person.

Ein fiktives Beispiel kann diese "Heldenreise" verdeutlichen:

  • Ein Arbeitnehmer, nennen wir ihn Hans, erfährt nach 20 Jahren Tätigkeit für eine Firma den inneren Konflikt, ob dies alles sei in seinem Leben. Vielleicht fragt er sich, was aus seinen Idealen geworden ist, die er noch als Jugendlicher hatte. Damals hatte ihn der soziale Umgang mit Menschen besonders angesprochen. Mittlerweile sitzt er in einem Büro mit drei weiteren Mitarbeitern und ärgert sich über die Monotonie und den Stress der alltäglichen Arbeit. Er kommt wieder in Kontakt mit seiner damaligen Berufung, die er im Umgang mit Menschen sah. Seine momentane Arbeit stellt er in Frage und fragt sich vielleicht, was er bis jetzt aus seinem Leben gemacht hat.
  • Wenn er seinen Job aufgibt, um etwas Neues zu tun und seiner Berufung zu folgen, gefährdet er - nach seiner Auffassung - das Einkommen der Familie. Um seiner Berufung zu folgen, braucht er vielleicht auch eine weitere Ausbildung. Wie soll er das in seinen Alltag einbauen? Wie soll er dies schaffen? Darf er das, wenn er eine Familie hat?
  • Bei einer Ausbildung beim Hospiz-Verein lernt Hans viele neue Leute kennen. Außerdem lernt er, Leute zu unterstützen und auf sie einzugehen. Er bemerkt, dass er durch seine Tätigkeit sich viel ausgeglichener fühlt und Anerkennung von vielen Seiten bekommt.
  • Während der Ausbildung und seiner ehrenamtlichen Tätigkeit findet Hans immer wieder interessante Leute, von denen er viel lernen kann. Auch deren Verbindungen und Kontakte erweitern seinen Horizont und seine Lebenserfahrung.
  • Durch seine ehrenamtliche Tätigkeit und die Anerkennung, die er bekommt, macht ihm seine Bürotätigkeit viel mehr Spaß. Er verliert sich nicht mehr in endlosen Diskussionen, ob etwas richtig oder falsch ist. Er findet immer mehr Anschluss auch zu anderen Kollegen. Dadurch bekommt seine Tätigkeit in der Firma nach und nach ein anderes Gesicht, eine andere Bewertung. Aus dem "Gegeneinander" wird ein "Miteinander".
  • Seine neu erworbenen Fähigkeiten, viel besser auf Menschen einzugehen, machen sich auch im Umgang mit seinen Arbeitskollegen bemerkbar. Dies wird auch außerhalb des Büros anerkannt und Hans wird öfters um Rat gefragt.
  • Es finden sich in seiner Firma immer mehr und mehr Gelegenheiten, seine sozialen Kompetenzen weiter auszubauen und einzusetzen. Zum Beispiel als Vermittler bzw. Mediator und auch als Vertrauensmann.
  • Auch das Familienleben von Hans hat sich grundlegend verändert. Seine Frau und seine Kinder bekommen ihn vielleicht weniger zu sehen, haben dabei aber viel mehr von ihm. Hans hat gelernt, sich voll und ganz den Personen zu widmen, mit denen er zusammen ist.

Zugegeben, diese Geschichte ist fiktiv. Vielleicht kann der eine oder andere Parallelen zu sich selbst entdecken. Unser Leben fließt und das heißt, es gibt einen stetigen Wandel - immer wieder neue Herausforderungen. Wie wir damit umgehen, bleibt völlig uns überlassen.

Wir können Berufungen ignorieren - zumindest können wir es versuchen. Doch ich habe den Verdacht, dass die Energie, mit der diese Lernchancen an uns herantreten, nach jedem Ignorieren verstärkt wird.

Manchmal begegnet uns auch zuerst die Herausforderung. Eine Limitierung oder Beschränkung, die uns durch unser eigenes Unvermögen klar und deutlich vor Augen geführt wird oder sich durch Frust und Stress bemerkbar macht. Diese Herausforderungen mögen manchmal gar nicht so groß erscheinen.

Z. B., dass wir uns öfter über die gleichen Eigenschaften von anderen Personen aufregen: Intoleranz, Unehrlichkeit, Arroganz, usw. Eine interessante Frage wäre hier, was dies mit uns zu tun hat. Das, was wir bei uns nicht sehen wollen oder können, projizieren wir manchmal auf andere.

Dann und wann ist es sinnvoll zu fragen: »Wenn das, was ich bei anderen erlebe, eine Projektion ist (etwas das ich bei mir nicht erkennen will/kann), wie kann ich das für mich in persönliches Wachstum umsetzen?«.

Welche Ressourcen, Fähigkeiten, Lehrer oder Mentoren brauche ich, um meine Grenze zu überschreiten, meine Limitierung oder Beschränkung aufzuheben? Welche Berufung liegt hinter dieser Herausforderung?

Die Beantwortung dieser Fragen gelingt uns manchmal in der Meditation, manchmal indem wir uns mit guten Freunden darüber unterhalten. Manchmal bedarf es dazu etwas mehr: ein Coaching oder eine Therapie können hier Wunder wirken.

Wie oft denken wir von Bekannten, dass sie den "gleichen Fehler immer wieder machen"? "Wieso bemerken sie das nicht?" fragen wir uns und schütteln den Kopf. Dabei wissen wir - vielleicht nur insgeheim -, dass es uns genauso ergehen kann.

Um solche Muster zu erkennen, ist es notwendig, sich das Ganze sozusagen von außen anschauen zu können. Wenn man zu dicht am Geschehen bleibt, sieht man den "Wald vor lauter Bäumen nicht".

Diese Fähigkeit zur Distanzierung ist nicht in jedem gleich gut ausgeprägt. Dies kann man lernen. Ein Tagebuch z.B. ist ein wunderbares Hilfsmittel, um wiederkehrende Muster zu erkennen. Dann kann man Gemeinsamkeiten in den Mustern erkennen und sich die entsprechenden Fragen stellen.

Vielleicht habt Ihr Lust, folgende Fragen für Euch zu beantworten:

  • Welche Muster könnt Ihr in Eurem Leben erkennen?
  • Welche Herausforderungen stellen sich jetzt für Euch gerade?
  • Wie geht Ihr damit um?
  • Wen oder was braucht Ihr dazu, um damit fertig zu werden?
  • Welche Berufung könnte sich dahinter verbergen?
  • Welche Grenzen müsst Ihr überschreiten?
  • Welchen Gewinn habt Ihr davon und was wird sich dadurch für Euch ändern?
  • Wozu ist das wichtig?

Auf diesen Internetseiten gibt es den Artikel "Autobiographie in fünf Kapiteln". Vielleicht findet Ihr auf dieser Seite das eine oder andere Aha-Erlebnis.

Viel Erfolg und viel Spaß mit Eurer "Heldenreise" wünscht Euch

Uli Herold