Ein grenzenloser Augenblick

Ein grenzenloser Augenblick

Zeit und Ewigkeit scheinen unmittelbar miteinander verknüpft zu sein. Jedenfalls dann, wenn wir uns unsere alltäglichen Vorstellungen von Ewigkeit mehr oder weniger wissenschaftlich zum Ausdruck bringen. Was ist eine Ewigkeit? Im modernen Sinne ist dies eine unendliche Anzahl von Zeiteinheiten, die, aneinander gereiht, wiederum einer unendliche Zeitspanne entsprechen. Manche Wissenschaftler glauben, unser Universum existiert seit dem Urknall.

nach Ken Wilber: "Wege zum Selbst"
Goldmann Verlag


Aus spiritueller Sicht ist das Bewusstsein der All-Einheit (Gott) nicht zeitlich, sondern ewig und zeitlos. Der Mystiker hat eine ganz andere Vorstellung von Zeit, die der des modernen Menschen und der "praktischen Realität" widerspricht. Der Mystiker versteht die Ewigkeit überhaupt nicht auf diese Weise. Die Ewigkeit ist kein Gewahrsam ewigdauernder Zeit, sondern ein Gewahrsam, das selbst total ohne Zeit ist. Der ewige Augenblick ist ein zeitloser Augenblick, ein Moment, der weder Vergangenheit noch Zukunft, weder Vorher noch Nachher, weder Gestern noch Morgen, weder Geburt noch Tod kennt.

Was ist das nun für ein Moment: der ewige Augenblick? Diese Frage klingt seltsam und doch müssen die meisten von uns zugeben, dass sie solche Augenblicke, Gipfelpunkte erlebt haben, die jenseits und außerhalb der Zeit zu liegen schienen. In einem Sonnenuntergang versunken; in der Umarmung mit einem geliebten Menschen; gebannt vom Spiel des Mondlichts auf einem See.

Was haben all diese Erlebnisse gemeinsam? Es scheint, als wirke die Zeit bei all diesen Erlebnissen wie aufgehoben, weil wir vom gegenwärtigen Moment völlig absorbiert werden. In diesem gegenwärtigen Augenblick gibt es natürlich keine Zeit. Der gegenwärtige Moment ist ein zeitloser Moment, und der zeitlose Moment ist ein ewiger - ein Moment, ohne Vergangenheit, ohne Zukunft, ohne davor oder danach, ohne gestern und ohne morgen. In diesem Augenblick gibt es weder Vergangenheit noch Zukunft - es gibt keine Zeit.

Wie Zen-Meister Seppo sagt: "wenn du wissen willst, was Ewigkeit bedeutet - sie ist nichts weiter als eben dieser Moment. Wenn du sie nicht in diesem gegenwärtigen Moment erfassen kannst, wirst du sie nie erhaschen, so oft du auch in Hunderttausenden von Jahren wiedergeboren werden magst."

Da das Wesen dieses gegenwärtigen und zeitlosen Augenblicks Ewigkeit ist, sagt uns der Mystiker, die große Befreiung und der Eingang zum Himmelreich sei nirgends und niemals außer jetzt. Ewigkeit ist nicht morgen zu finden - sie kann nicht in fünf Minuten gefunden werden, nicht in zwei Sekunden. Sie ist immer schon jetzt. Die Gegenwart ist die einzige Realität. Eine andere gibt es nicht.

Die meisten von uns verweilen jedoch im Gestern und träumen vom Morgen. Dadurch vergeuden wir unsere Kräfte, immer in der Hoffnung, dass uns die Zukunft das bringen werde, was uns in der dürftigen Gegenwart so fehlt. Und dieses Leben in der Zeit ist, dem Mystiker zufolge, ein Leben im Elend. Der Mystiker behauptet, alle unsere Probleme seien Probleme der Zeit und Probleme in der Zeit.

Ein Augenblick der Überlegung offenbart, wie äußerst offensichtlich dies ist. Alle unsere Probleme betreffen die Zeit - unsere Sorgen bewegen sich immer um Vergangenheit oder Zukunft. Wir beklagen viele unserer früheren Handlungen und fürchten ihre zukünftigen Folgen. Unsere Schuldgefühle sind untrennbar mit Vergangenheit verbunden und bringen Qualen der Depression, der Bitterkeit und Bedauern mit sich. Stellen Sie sich einfach vor, wie es wäre, ohne allen Narben der Vergangenheit zu leben. Ebenso ist alle Angst mit Gedanken an die Zukunft verbunden.

In der Gegenwart existieren keine fundamentalen Probleme, denn Zeit gibt es nicht. Etwas wie ein gegenwärtiges Problem existiert nicht. Und wenn es so scheint, so wird eine nähere Nachprüfung unweigerlich aufdecken, dass es in Wirklichkeit mit irgendeiner früheren Schuld oder einer die Zukunft betreffenden Angst verbunden ist. Denn alle Schuldgefühle sind ein Zustand des Verlorenseins in der Vergangenheit. Jede Angst ist ein Zustand des Verlorenseins in der Zukunft.

Dieses "Leben in der zeitlosen Gegenwart", dieses "nur auf den gegenwärtigen Moment achten" hat nichts mit dem weit verbreiteten psychologischen Trick zu tun, gestern und morgen einfach zu vergessen. Der Mystiker sagt nicht, dass wir Vergangenheit und Zukunft vergessen oder ignorieren sollen. Er sagt, Vergangenheit und Zukunft gibt es nicht. Vergangenheit und Zukunft sind nur illusorische Produkte einer symbolischen Grenze, die dem ewigen Jetzt auferlegt wird. Die Zeit ist also als Grenze, die der Ewigkeit auferlegt wird - eine Illusion, die von vornherein nicht existiert.

Wir müssen hier also sehr vorsichtig vorgehen, um dieses ewige Gewahrsamsein richtig zu verstehen. Viele Menschen versuchen, mit dieser zeitlosen Gegenwart in Fühlung zu kommen, indem sie ihre Aufmerksamkeit auf den jetzigen Moment konzentrieren. Sie praktizieren "bloße Aufmerksamkeit" auf die unmittelbare Gegenwart in dem Versuch, mit dem zeitlosen Augenblick in Kontakt zu kommen. Aber so vernünftig das auch klingen mag, es ist abwegig. Denn der Versuch, mit diesem Moment in Kontakt zu kommen, erfordert einen weiteren Moment. Oder anders ausgedrückt, der Versuch erfordert Zeit. Wenn man versucht, auf die Gegenwart zu achten, ist eine Zukunft nötig, in der dies geschieht. Man kann also nicht die Zeit benutzen, um aus der Zeit herauszukommen.

Die Mystiker fordert uns also nicht auf, zu versuchen, Illusionen zu zerstören - er fordert uns nur auf, sorgfältig nach ihnen zu suchen. Denn wenn es die Zeit wirklich nicht gibt, brauchen wir uns nicht mit dem Versuch aufzuhalten, sie zu zerstören.

Beginnen wir mit unseren Sinnen. Spüren wir jemals die Zeit? Das heißt, spüren wir jemals unmittelbar eine Vergangenheit oder eine Zukunft? Fangen wir mit dem Hören an. Konzentrieren Sie zunächst ihre Aufmerksamkeit auf das, was Sie hören, und beachten Sie das Fließen von Geräuschen durch Ihr Bewusstsein. Sie können vielleicht Menschen reden hören, Hundegebell, spielende Kinder, usw.. Aber beachten Sie: alle diese Geräusche sind gegenwärtige Geräusche. Sie können keine vergangenen oder zukünftigen Geräusche hören.

Das Gleiche gilt für den Geschmack und den Geruch. Sie können auch nichts berühren, sehen oder fühlen, was einer Vergangenheit oder Zukunft gleicht. In Ihrem unmittelbaren Gewahrsam gibt es keine Zeit - keine Vergangenheit, keine Zukunft, nur eine sich endlos verändernde Gegenwart, kürzer als eine Sekunde, aber niemals endend. Jedes direkte Gewahrsein ist zeitloses Gewahrsein.

Und doch habe ich den überwältigenden Eindruck, dass ich mir der Zeit bewusst bin. Vor allem der Vergangenheit, meiner ganz persönlichen Geschichte. Ich weiß etwas über meine eigene Vergangenheit. Und kein verbaler Taschenspielertrick kann mich vom Gegenteil überzeugen. Ich erinnere mich an Ereignisse, die vor Minuten, Tagen, sogar Jahren stattgefunden haben. Was ist das? Und wie kann man es leugnen?

Die Antwort auf die erste Frage ist offensichtlich das Gedächtnis. Auch wenn ich die Vergangenheit nicht unmittelbar sehe, fühle, berühre, kann ich mich an sie erinnern. Außerdem scheinen andere Leute auch ein Gedächtnis zu haben und die berichten im wesentlichen alle von derselben Art von Vergangenheit, an die ich mich erinnere. Und hier liegt auch der Fehler: diese Erinnerung selbst ist ein gegenwärtiges Erlebnis. Ich kenne also überhaupt nie die wirkliche Vergangenheit, ich kenne nur Erinnerungen an die Vergangenheit, und diese Erinnerungen existieren nur als gegenwärtiges Erleben. Im übrigen war das, was wir Vergangenheit nennen, als es sich wirklich ereignete, ein gegenwärtiges Ereignis. Desgleichen kenne ich niemals die Zukunft, ich kenne nur Vorgefühle oder Erwartungen - die trotzdem selber Teil des gegenwärtigen Erlebens sind. Die Erwartung ist, wie das Sich-erinnern, eine gegenwärtige Tatsache.

Wenn man die Vergangenheit als Erinnerung und die Zukunft als Erwartung, beide als gegenwärtige Tatsache erkennt, sieht man auch, dass alle Zeit nur jetzt existiert. Wenn wir dies verstanden haben, werden die Aussagen der Mystiker über Zeit und Ewigkeit viel klarer. Z. B. Nikolaus von Kues: "alle zeitliche Aufeinanderfolge fällt in ein und demselben Ewigen Jetzt zusammen. Es gibt also nicht Vergangenes oder Zukünftiges." Und wir können verstehen, warum Dante von jenem "unglaublichen Moment" sprechen konnte, "in dem alle Zeiten gegenwärtig sind".

Daher ist unserer Zeit-Knechtschaft und sind alle ihre Probleme eine große Täuschung. Es gibt keine Zeit außer dem Jetzt, und das einzige, was Sie erleben, ist die ewige Gegenwart - welche äußeren Formen sie auch haben mag.

Wir haben das Gefühl, unser gegenwärtiger Augenblick ist beschränkt und begrenzt. Er scheint zwischen Vergangenheit und Zukunft eingeengt zu sein. Denn durch die Verwechslung von Erinnerungssymbolen mit Tatsachen erlegen wir der zeitlosen Gegenwart eine Grenze auf, spalten sie in die Gegensätze Vergangenheit und Zukunft auf und begreifen Zeit dann als eine Bewegung von der Vergangenheit her durch unsere "flüchtige Gegenwart" hin zur Zukunft. Wir führen in das Territorium der Ewigkeit eine Grenze ein und zäunen uns dadurch selber ein. Unsere verstreichende Gegenwart erscheint dann an der einen Seite begrenzt durch die Vergangenheit, an der anderen durch die Zukunft.

Unsere Gegenwart ist also von allen Seiten her begrenzt, eingeklemmt zwischen Vergangenheit und Zukunft. Sie ist ein offener Moment, sie geht einfach vorbei. Aber wenn man erkennt, dass die Vergangenheit als Erinnerung immer ein Gegenwartsergebnis ist, bricht die Grenze hinter diesem Augenblick zusammen. Es ist offensichtlich, dass vor dieser Gegenwart nichts war. Ebenso explodiert die Grenze nach vorn vor diesem Augenblick, wenn man erkennt, dass die Zukunft der Erwartung immer ein gegenwärtiges Erlebnis ist. Das ganze Gewicht dessen, dass etwas hinter uns oder vor uns ist, verschwindet rasch, plötzlich und vollständig. Diese Gegenwart ist nicht mehr umzingelt, sondern dehnt sich aus und erfüllt alle Zeit. Und diese Gegenwart ist keine endlose Scheibe von Realität. Im Gegenteil, hier wohnt nun der Kosmos, mit aller Zeit und allem Raum in der Welt.

Schließlich könnten wir noch fragen, was hat das Ewige Jetzt mit dem Bewusstsein der All-Einheit zu tun? Gibt es eine Beziehung zwischen ihnen? Die Antwort ist, es gibt keine Beziehung zwischen ihnen, denn sie sind ein und dasselbe. Huxley hat das so ausgedrückt: "Das Ewige Jetzt ist ein Bewusstsein".

Das abgetrennte Selbst, der "kleine Mensch im Inneren", ist, wie Krishnamurti so oft erklärt hat, ganz und gar aus Erinnerungen zusammengesetzt. Das heißt, was Sie jetzt als inneren Beobachter empfinden, der diese Seite liest, ist nichts weiter als ein Komplex vergangener Erinnerungen. Ihre Vorlieben und Abneigungen, ihre Hoffnungen und Befürchtungen, ihre Vorstellungen und Grundsätze - alles beruht auf Erinnerungen.

Sobald jemand fragt, "Wer sind Sie?", werden sie anfangen, in Ihrer Erinnerung nach einschlägigem Material für das zu suchen, was Sie in der Vergangenheit getan, erkannt, gefühlt oder geleistet haben. Natürlich, führt Krishnamurti aus, ist es überhaupt nicht verkehrt, sich an die Vergangenheit zu erinnern, denn das ist in dieser Welt wesentlich. Problematisch aber ist die Tatsache, dass wir uns mit diesen Erinnerungen identifizieren, als existierten sie außerhalb des Augenblicks oder getrennt von ihm; das heißt als ob sie eine Kenntnis von einer tatsächlichen äußeren Vergangenheit verkörperten.

Aber bedenken Sie, was das bedeutet. Weil wir glauben, die Erinnerung stehe außerhalb der Gegenwartserfahrung, scheint das Gedächtnis-Selbst ebenso außerhalb des gegenwärtigen Erlebens zu stehen. Das Selbst scheint also gegenwärtige Erlebnisse zu haben, anstatt gegenwärtige Erlebnisse zu sein. Das Gefühl, Erinnerung sei ein vergangenes Erlebnis hinter dem Gegenwartsmoment, ist dasselbe, als empfinde man das Selbst als abgetrennte Wesenheit hinter dem gegenwärtigen Erleben.

Aber die Basis eines Selbst, das von der Gegenwart abgesetzt ist, bricht ganz und gar zusammen, wenn jegliche Erinnerung als gegenwärtiges Erleben begriffen und erkannt wird. Ihr "Selbst", dass einfach nur Erinnerung ist, wird so nur zu einem weiteren Gegenwartserlebnis - es ist nichts, das eine gegenwärtige Erfahrung hätte. Wenn die Vergangenheit mit der Gegenwart verschmilzt, verschmelzen auch Sie selber als Beobachter mit der Gegenwart. Sie können nicht länger abseits dieses Augenblicks stehen, denn außerhalb dieses Augenblicks ist kein Raum.

Alle Erinnerung als gegenwärtiges Erleben anzusehen, bedeutet also, dass man die Grenzen dieses gegenwärtigen Moments niederreißt, ihn von trügerischen Grenzen befreit, ihn vom Gegensatz Vergangenheit / Zukunft befreit. Es wird offenbar, dass hinter Ihnen in der Zeit nichts liegt, ebenso wenig wie vor Ihnen. Sie können also nirgendwo stehen als in der zeitlosen Gegenwart, also keinen anderen Standort als die Ewigkeit haben.

.... hallo ...   tolles

.... hallo ...
 
tolles beitrag ... verstehen kann man das wiederum nicht mit der gedächsnis sondern mit herzem .... vielmehr sollte man all das was zwieschen den zeilen vorborgenen borschaften zu entschlüsseln , dan nähmlich hat man diesen beitrag verstanden ...  meiner achtung ..!